Europäische Fledermausrufe - Aufzeichnen und Bestimmen

Mopsfledermaus und Windkraft

In den letzten Monaten wurde ich mehrfach zur Mopsfledermaus als Schlagopfer an WEA befragt. Hintergrund waren aktuelle Planungen von Windparks in Rheinland-Pfalz und Hessen. Die Fragen kamen aus beiden Lagern also von besorgten Bürgern ebenso wie Windkraftplanern bzw. Verantwortlichen. In diesem Artikel will ich meinen Wissensstand zusammenfassen.

Mopsfledermaus als Schlagopfer

Damit einen Fledermaus zum Schlagopfer an einer WEA werden kann, muss sie im Gefahrenbereich der Rotoren fliegen. Das bedeutet, sie muss in einer gewissen Höhe (i.d.R. über 50m) fliegen oder aber sich am Turm der WEA nach oben orientieren (z.B. Erkundungsflüge). Letzteres wird sicherlich jede Art ab und an machen, bisher wird es aber nur bei Arten der Gattung Pipistrellus regelmässig beobachtet. Ansonsten muss sich auf Grund der Ökologie, der Nahrung oder des Flugstils ergeben, dass eine Fledermaus eine ausreichende Flughöhe erreicht, um geschlagen zu werden. Direkte Beobachtungen sind dabei schwer zu machen. Gondelmonitoring kann Aufschluss über die Höhenaktivität geben, aber in der Regel halten die Auftraggeber die Daten geheim. Schlagopfer sind in der Dürr-Liste1 für Europa insgesamt 4 aufgeführt (1xD, 1xESP, 2xF). Dabei stammt der deutsche Nachweis aus Niedersachsen, dort ist die Mopsfledermaus selten. Schwerpunkte in der Verbreitung liegen in waldreicheren Regionen, und es liegen bisher keine Schlagopfer-Ergebnisse von Waldstandorten vor. Somit kann die Dunkelziffer deutlich größer sein.

Ortungssystem der Mopsfledermaus

Die Mopsfledermaus nutzt zwei verschiedene Ortungsrufe, die sie meist alternierend ausstößt. Der Typ A ist ein kurzer und lauter Ruf von 34 auf 30 kHz abwärtsmoduliert. Laut B ist leiser, länger und hat einen etwas höhere Frequenz sowie einen anderen Verlauf. Der Ruftyp B wird auch bei Annäherung an Beute oder Hindernisse genutzt. Im Bild sind Rufe der Typen A und B alternierend gezeigt.

Ruftypen der Mopsfledermaus A B A B

Ob diese beiden Ruftypen eine Rufmarkierung darstellen wie das Plipp-Plopp der Abendsegler ist unbekannt. Sollte es sich um eine Markierung handeln, dann könnte so die Ortungsdistanz für Beute verdoppelt werden. Das spräche für die Fähigkeit im offenen Luftraum zu jagen. Es gibt Hinweise darauf, dass der zweite Laut über die Nase ausgestossen wird und vielleicht daher eine andere Funktion hat.

Flugstil

Die Mopsfledermaus wird häufig im schnellen Flug entlang linearer Strukturen, vor allem Waldränder oder Waldwege beobachtet. Dort jagt sie Kleinschmetterlinge. Flugbahnverfolgungen zeigen zum Beispiel, dass sie an einem Waldstandort in Nordbayern an einem Waldrand und über einem Waldweg in niedriger Flughöhe ( < 5m) in geradlinigem Flug jagt. Dabei erreicht sie Geschwindigkeiten von bis zu 36 km/h. Solche Geschwindigkeiten sind sonst typisch für Arten, die im offenen Luftraum jagen (z.B. Abendsegler-Arten). Das spricht dafür, dass auch die Mopsfledermaus die Fähigkeit dafür hat. Unterstützt wird dies durch die besonders festen Ohren, wiederum auch ein typisches Merkmal von Jägern des offenen Luftraums.

Nahrung und Jagdweise der Mopsfledermaus

Kollegen aus Bristol um Holger Goerlitz haben eine Besonderheit des Jagdsystems der Mopsfledermaus herausgefunden2. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus hörenden Kleinschmetterlingen, und die Mopsfledermaus schleicht sich durch leise Rufe an diese Beutetiere an. Diese Kleinschmetterlinge sind bevorzugt in der Nähe von Vegetation zu finden. Sie erklären auch, wieso die Mopsfledermaus so häufig entlang von Waldrändern und Waldwegen detektiert werden kann.

Indirekte Auswirkungen durch WEA

Die Mopsfledermaus halte ich auch durch indirekte Auswirkungen des Baus von WEA an Waldstandorten als gefährdet. Eigentlich sind Waldstandorte auf Grund diverser ökologischer Zusammenhänge eher ungeeignet als WEA-Standorte, jedoch werden immer häufiger Wälder für WEAs freigegeben.

Durch den Ausbau der Wege für den Materialtransport und die großen Kranflächen werden Quartierhabitate der Mopsfledermaus zerstört. Die so geschaffenen inneren Randstrukturen dienen jedoch auch als potenzielle neue Jagdhabitate für die Mopsfledermaus. Dies könnte sich positiv auswirken - jedoch nur, wenn die Mopsfledermaus nicht Schlag-gefährdet ist. Ansonsten wird sie so zu den für sie gefährlichen WEAs regelrecht heran geleitet. Andere Arten wie z.B. der Abendsegler, profitieren auch von solchen offenen Standorten im Wald. Jedoch weiss man von diesen sicher, dass sie geschlagen werden und somit erhöht man das Risiko für diese Arten dramatisch - nimmt quasi die Tötung willentlich in Kauf. Daher ist ein potenziell positiver Effekt für die Mopsfledermaus negativ für zahlreiche andere Arten.

Fazit

Wie sieht nun die Situation aus, werden Mopsfledermäuse durch WEA gefährdet - lassen die Erkenntnisse einen Schluss zu? In meinen Augen - nein, es lässt sich nicht sagen, ob und wenn ja wie stark die Mopsfledermaus durch WEAs gefährdet ist.

Pro WEA und Mopsfledermaus

Soweit bekannt stellen Kleinschmetterlinge die typische Nahrung der Mopsfledermaus. Diese halten sich eher Vegetations-gebunden auf und somit nicht im freien Luftraum. Jagd die Mopsfledermaus diese, befindet sie sich nicht im Wirkbereich der Rotoren.

Durch den Bau von WEA in Wäldern werden potenziell Jagdstrukturen für die Mopsfledermaus geschaffen - aber negative Auswirkungen auf andere Arten in Kauf genommen. Also eigentlich kein Pro-Punkt!

Contra WEA und Mopsfledermaus

Das Ortungssystem mit zwei Ruftypen kann die Ortungsreichweite verdoppeln - sonst findet sich diese Anpassung weltweit bei Arten die typischerweise im offenen Luftraum und auch in größerer Höhe jagen. Die Fähigkeit zum sehr schnellen Flug und die festen Ohren unterstützen dies.

Durch den Bau von WEA in Wäldern werden potenziell Quartiere zerstört und auch negative Auswirkungen auf andere Arten geschaffen.

Wir wissen zu wenig…

Insofern müssen weitere Erkenntnisse gewonnen werden. Da die Mopsfledermaus vom Aussterben bedroht ist (FFH Anhang II und Rote Liste 1), gebietet es sich die Art vorerst zu ihrem Schutz als gefährdet durch WEA anzusehen. Erst wenn wir mehr über die Population wissen und das Jagdsystem besser verstehen, können wir die Folgen von WEA auf die Mopsfledermaus besser verstehen. Das bedeutet aber auch, dass erhobene Daten möglichst alle gemeldet werden müssen - das auch durch die Windprojektierer, die auf den Daten sitzen und sie eben nicht an die Behörden weiterleiten.

  1. Schlagopferliste von Dürr

  2. Görlitz et al. (2010): An Aerial-Hawking Bat Uses Stealth Echolocation to Counter Moth Hearing; DOI

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